Es ist ein kalter und grauer Morgen im beschaulichen Kleinstadtleben
der Stadt Büren. Langsam schieben sich lärmende Schülermassen
durch die Flure der Realschule; die Betontreppen hinauf bis in die naturwissenschaftlichen
Fachräume klingt das Klappern von Absätzen, lautes Grölen,
kichernde Scherze, manches herzhafte Gähnen. Die Tür des Chemieraums
schließt sich mit einem lauten Krachen der Automatik hinter der Klasse
8b.
Mit freundlich blitzenden Augen, wenn auch die Gesichtsgardine nur
scheinbar seine Verlegenheit verdeckt, begrüßt Herr Schlott
seine heutige Gruppe. Er reibt seine Hände an der unvermeidlichen
Jeans, diesmal aber nicht, um den Schwefel des letzten Versuchs abzustreifen,
sondern um einem leichten Nässegefühl entgegenzuwirken, das seine
Handflächen überzieht. Einmal im Jahr gilt es diese Stunde zu
meistern, das pädagogische Feingefühl kitzelt unter den
wild sprießenden Haaren und bricht sich Bahn in dem seit Stunden
im kalten Flur geübten Satz:
„Wir beschäftigen uns nun mit der menschlichen Sexualität“
(auf bajuwarisch klingt das ungefähr so:)
„ Ja moi, da schaut’s, gell, nu werd mer mal die Sau ‘nauslassa
und unter die Bettdeck’n schaun! Auffi, und’s Gspusi aang’schaut!“
Erleichterung macht sich in jedem Lachfältchen breit, die Brillengläser
werden gerade gerückt, die Hände lässig („Ihr könnt
mir vertrauen, bin ja auch noch jung“) in den seitlichen Taschen verhakt.
„Habt’s ihr schon a’moal aan Überzieher g’sehn?“ Dös kann
böse Folgen beim Geschlechtsverkehr verhindern.“ Und wie von Zauberhand
erscheinen die Anschauungsmodelle in der von Staunen und Feixen erfüllten
Halle des Wissens.
Die unbedarften
Jungen (unbedarft = ich darf noch nicht) johlen, greifen nach den bepuderten
Exemplaren und stürzen zu den sich ihnen quasi in den Weg stellenden
großen Wasserhähnen am Ende der langen Tische. Wasser spritzt,
Herr Schlott, völlig der Kontrolle verlustig aber immer noch bemüht,
ein verständiger und einfühlsamer Pädagoge zu sein, macht
die erforderlichen Knoten und da wird der erste Gebrauch gemeinsam zelebriert:
Weit weit fliegen sie über den Hof und zerplatzen unter den lauten
und orgiastischen Hochrufen der hormongesteuerten Jungmänner, verfolgt
von den bewundernden Blicken der weiblichen Hälfte der Klasse - ein
ergreifender Moment, Zeichen des Beginns eines verantwortungsvollen Umgangs
mit Sexualität, wie ihn dieser mitschmeißende äh, mitreißende
Pädagoge nahezubringen weiß.
Dank seiner Fähigkeiten blieben uns medizinische Folgen ebenso
erspart wie enttäuschende Erlebnisse wie dieses:

Dank, Dank, immer wieder Dank!
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Die Ereignisse und Personen dieser Episode
sind ebenso erfunden wie die Tatsache, dass
keiner von uns medizinische oder finanzielle
Folgen dieser ersten zarten Kontakte mit
Sexualität davontrug.
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